“Inklusion – ein leeres Versprechen?” von Georg Feuser

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Mit “Inklusion – ein leeres Versprechen?” legt Georg Feuser ein Buch zum Thema einer längst nicht abgeschlossenen Gesellschaftsdebatte vor. Er zeigt darin auf wie unterschiedlich die Inklusion umgesetzt und gelebt werden kann. Dennoch geht mir die hier dargestellte Thematik nicht weit genug. So beschränkt sich die Inklusionsdarstellung auf Kindergärten und Schulen. Doch die Inklusion findet primär nicht nur dort statt. Was ist mit Sportvereinen, Freundeskreis, Beruf? Diese Aspekte sind hier nicht mitgedacht, obwohl sie mindestens ebenso wichtig wären. Gleichzeitig wird meiner Ansicht nach viel zu sehr von einem klassischen Integrationskonzept auf das neue Inklusionskonzept geschlossen. Behinderten Menschen die Teilhabe zu ermöglichen ist das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention, aber bedeutet diese Teilhabe nicht auch, dass das Handicap, die Einschränkung oder welche Art von Behinderung auch immer vorliegt, gar nicht mehr so sehr im Mittelpunkt der Betrachtung liegen sollte. Vielmehr sollte es darum gehen, möglichst jedem den Zugang zu jeder Art von Information und Veranstaltungsort zugänglich zu machen.

Eine Frage des Gesellschaftsbildes oder der Politik?

Die Teilhabe behinderter Menschen beginnt nach Meinung der Politiker und Pädagogen mit dem Kindergarten, spätestens in der Grundschule sollte ein jedes betroffene Kind “erkannt” sein, um ihm die bestmögliche Förderung zukommen zu lassen. Wenn Sie mich fragen, beginnt die Teilhabe behinderter Menschen jedoch nicht mit dem Kindergarten, sondern bereits bei der Geburt. Denn letztendlich kommt es darauf an, wann eine Behinderung festgestellt wird, wie Eltern darauf reagieren, wie der Alltag des Kindes aussieht und dass ihm eine Normalität vorgelebt wird. Ohne Rücksicht auf die Behinderung sollte das Kind möglichst ähnliche oder die gleichen Erfahrungen machen wie seine Altersgenossen. Dass es dabei immer mal wieder zu Schwierigkeiten oder Hindernissen kommt, ist klar. Dass ein behindertes Kind (oder wie es neumodisch heißt, “ein Kind mit besonderen Bedürfnissen”) eben diese Besonderheiten mitbringt, sollte nach meiner Einschätzung selbstverständlich sein und für jedes Kind gelten, oder ganz konkret für jeden Menschen. Dies hat nämlich weniger etwas mit Inklusion als vielmehr mit Individualität zu tun.

Inklusion gelebt?

Betrachtet man die aktuelle Debatte, so fällt auf, dass diese insbesondere durch Politiker und Pädagogen geführt wird, die dem alten System angehören oder in ihrem persönlichen Umfeld nie Kontakt zu behinderten Menschen hatten. Georg Feuser bildet zwar als Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschullehrer sowie als Sonderschuldirektor a.D. eine Ausnahme, ist aber auch zu sehr darauf bedacht, das alte System zu modernisieren. In dem Moment, wo die ersten Kinder eine Regelschule zielgleich besuchen konnten, hat die Modernisierung eines vorhandenen Systems bereits begonnen. In diesen Bereichen wird also eine Form von Inklusion gelebt, über die weder groß diskutiert noch langatmig gesprochen werden muss, da man die Individualität jedes einzelnen Menschen, ob behindert oder nicht, berücksichtigt. Von dieser Form der Inklusion würden alle profitieren.

Kommt es auf die Behinderung an?

Die spannende Frage, ob es auf eine Behinderung ankommt, müsste über die Form betrachtet werden. Denn jede Behinderung hat ihre Eigenheiten, wobei einige allein durch die Betrachtung und den Versuch, eine Normalität herzustellen, zur Einschränkung wird. Gleichzeitig gibt es solche Behinderungen, über die man selbst nach großen Diskussionen nicht hinwegsehen kann und sollte. Die Tatsache, dass Georg Feuser an dieser Stelle allerdings nicht auf die Inklusionsoptionen einzelner Behinderungsbilder eingeht, zeigt, dass es hier ein Problem ganz anderer Art gibt. Mit der neuen Inklusionsrichtlinie soll jede Behinderungsform der Teilhabe zugeführt werden. Dies ist sinnvoll, aber gerade im Schulalltag nicht immer möglich. Betrachten wir als Beispiel die Sehbehinderten- oder Blindenschüler, bei denen der Lehrer selbstverständlich Braille beherrschen sollte, die eine Orientierung mit taktilen oder akustischen Reizen benötigen. Sofern beides vorhanden ist und auch die Schulbücher entsprechend umgesetzt wurden, dürften sie im Schulalltag kaum auffallen. Bei den Rollstuhlfahrern sollten Rampen, Türöffner (und gegebenenfalls Assistenzkräfte) vorhanden sein. Bei den Gehörlosen ist es ähnlich wie bei den Blinden, nur sind es hier zusätzliche optische Reize, die die Akustik ersetzen. Hier ist eine zielgleiche Beschulung möglich und anzustreben.

Einzig bei den Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist diese Teilhabe nicht derart materiell herzustellen. Sie benötigen Schulbücher in einfacherer Sprache, zusätzliche Lehrkörper und möglicherweise ein anderes Konzept. Sie werden niemals in den Genuss des zielgleichen Schulabschlusses kommen. Hinsichtlich der Inklusion müsste bei den Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung also betrachtet werden, ob der gesellschaftliche Nutzen den Bildungsnutzen überholen kann. Denn eine angepasste, zieldifferente, Unterrichtsform im regulären Unterricht dürfte nämlich zu einer Belastung für alle werden.

Leider gehen Georg Feuser sowie die anderen Autoren dieses Buches zu wenig auf die Praxis und viel zu sehr auf die politische Ebene und Denkweise ein, es wird betrachtet, was einmal war und wohin es führen soll. Aus diesem Grund wäre dieses Buch über Inklusion noch mit Beispielen aus der Praxis anzureichern. Ich selbst habe als zielgleiche Absolventin mein Abitur erlangt, die Inklusion also zu einer Zeit erlebt, als sie noch gar nicht existierte und noch “Integration” hieß. Meiner Meinung nach müsste man auch heute noch zwischen den einzelnen Behinderungsbildern differenzieren, sowohl bei den Menschen mit offizieller Behinderung als auch bei jenen Schülern, die ohne offensichtliche Einschränkung daherkommen.

Fazit

Von diesem Buch hätte ich mir persönlich mehr Einblicke aus der Praxis erhofft. Leider gab es diese Einblicke nicht. Stattdessen gab es einen Einblick in den historischen Ablauf und in die Entwicklung hin zur Inklusion. Darüber hinaus ging es verhältnismäßig viel darum, wie die Politik die Menschen mit Handicap betrachtet und dass die Gesellschaft selbst das Problem sei. Mir persönlich ist es ein Rätsel, wie der nichtbehinderte Mensch ohne persönlichen Bezug den Umgang mit einem Menschen mit Einschränkungen welcher Art auch immer denn erlernt haben soll, wenn es praktisch eine Parallelgesellschaft gibt. Erstes Ziel der Inklusion müsste es also sein, diese Parallelgesellschaften aufzuhebeln und die Menschen dazu zu bringen, sich in einen Austausch zu begeben, ob dies nun etwas mit dem Kindergarten, der Schule oder dem persönlichen Umfeld zu tun hat, ist mir ein Rätsel. Aus meinem persönlichen Alltag weiß ich, dass ich selbst völlig normal am Alltag der Nichtbehinderten teilzunehmen versuche, und dabei für einschränkende Umstände selbst verantwortlich bin. Heißt, wenn ich nicht selbst in der Lage bin, die Aspekte, die meine Behinderung mitbringt, auszugleichen, muss ich im Zweifelsfall entweder fern bleiben oder für den entsprechenden Ausgleich sorgen. Inklusion sollte gelebt werden, nicht diskutiert.

Über den Herausgeber Georg Feuser

“Georg Feuser ist Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschullehrer sowie Sonderschulrektor a.D., war Professor für Behindertenpädagogik an den Universitäten Bremen und Zürich und in der Lehreraus-, -fort- und -weiterbildung tätig. Er entwickelte eine »Allgemeine Pädagogik und entwicklungslogische Didaktik« und die »Substituierend Dialogisch-Kooperative Handlungs-Therapie«.”(Psychosozial-Verlag über den Autor)

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"Inklusion - ein leeres Versprechen?" von Georg Feuser
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